Kühl, klug, effizient

Die ersten Pilotprojekte zeigen, dass die Thermische Bauteilaktivierung im geförderten Wohnbau vor dem Durchbruch steht – eine Innovation, die die Speichermasse von Beton zum Heizen und Kühlen nützt.
MAIK NOVOTNY

Die erste Heizperiode hat sie schon geschafft: Die neue Wohnanlage MGG22 an der Mühlgrundgasse im 22. Wiener Gemeindebezirk. Was für andere nichts Ungewöhnliches ist, stellt für dieses Pilotprojekt der Energieversorgung eine erste Bewährungsprobe dar. Denn bei diesem Projekt mit insgesamt 160 Wohneinheiten (davon 52 gefördert) wurde erstmals im sozialen Wohnbau die thermische Bauteilaktivierung (TBA) zum Heizen und Kühlen eingesetzt.

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Die Wärme für Beheizung und Warmwasser wird über Sole/Wasser-Wärmepumpen in Verbindung mit 30 Erdwärme-Tiefensonden in 150 Metern Tiefe erzeugt. Um zu heizen, wird die Erdwärme erst mit Hilfe einer Wärmepumpe auf ein höheres Temperaturniveau gebracht, zum Kühlen wird Wärme ins Erdreich eingebracht.

Ein Zusatzelement zur Bauteilaktivierung ist, dass beim Projekt MGG22 die Geschoßdecken nicht nur zum Heizen und Kühlen, sondern auch als Energiespeicher für Windüberschussstrom genutzt werden. „Da die enormen Überschüsse aus Solar- und Windstrom nicht regelbar sind und zur Netzstabilitätssicherung zeitweise vom Netz genommen werden müssen, gilt es, den Stromverbrauch zu flexibilisieren.

Damit ist ein Paradigmenwechsel von der verbrauchsabhängigen Erzeugung hin zu einer angebotsorientierten Nutzung von Energie verbunden“, sagt Norbert Mayr, der die Anlage als Mit-Grundstückseigentümer und Co-Bauherr gemeinsam mit der Wohnbaugenossenschaft Neues Leben entwickelt hat.

Mediale Aufmerksamkeit

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Die Evaluierung des tatsächlichen Verbrauchs in der Heizperiode ist, so Mayr, noch nicht ganz abgeschlossen, jedoch zeigt sich schon der Vorteil der thermischen Bauteilaktivierung auf lokaler und globaler Ebene.

„Gegenüber den herkömmlichen Klimaanlagen bietet passive Kühlung mittels Bauteilaktivierung eine angenehme kühlende Strahlung von der Decke“, so Mayr. „Zudem verringert ein solch hoher Wohnkomfort auch den Mobilitätsbedarf. Eine Konsequenz aus globaler Perspektive im Sinne der Klimagerechtigkeit wäre, dass der Einsatz energiefressender Klimaanlagen massiv eingeschränkt wird.“

Das inzwischen mit medialer Aufmerksamkeit und zahlreichen Preisen bedachte Projekt MGG22 (auch ein Kandidat der IBA_Wien 2022) ist eines von zwei Leuchtturmprojekten, was den Einsatz der Thermischen Bauteilaktivierung im geförderten Wohnbau betrifft.

Das zweite ist die Wohnpark Wolfsbrunn in Sommerein (Niederösterreich) mit 14 Reihenhäusern (Fertigstellung Juni 2020). Hier hatte Architekt Ralf Steiner (AW Architekten) dem Bauträger Südraum/EBSG die TBA vorgeschlagen, vor allem aufgrund der Behaglichkeit, die er von seinem eigenen Haus kannte.

Hauptargument für dieses System war ein in der Gemeinde Sommerein errichteter Windpark der EVN. Liefert dieser Energieüberschüsse, sorgt die TBA für einen Spitzenlastausgleich und entlastet das Stromnetz.

Großes Potenzial

Jörg Hoffmann, Bereichsleiter Technik bei der EBSG, hatte selbst 2018 seine Master Thesis an der TU Graz zum Thema „Thermische Bauteilaktivierung – von der Theorie in die urbane Praxis“ abgeschlossen und ist Experte in der Anwendung der Technologie.

„Ich sehe ein großes Potenzial für TBA im sozialen Wohnbau!“ sagt Hoffmann. „Für die antizyklisch zur Verfügung stehenden Energien wie Wind kann das Gebäude als Energiespeicher eine Lösung sein. Das Potenzial der Betondecke als Speicher wird bis dato leider verschwendet.“

Auch beim Kühlen von Gebäuden zeigt sich die TBA, so Hoffmann, als wesentliche Ergänzung zu vorhandenen Sonnenschutzmaßnahmen. Wie immer bei Pilotprojekten stellt sich die Frage: Wann wird sich die Technologie auch im Alltag durchsetzen? „Es gibt leider noch zu wenig Erfahrungswerte bei Planern und Nutzern“, sagt Hoffmann.

„Aufgrund dieser Unerfahrenheit sind wir noch mit erheblichen Mehrkosten in Planung und Ausführung konfrontiert, und die Bauträger haben noch zu wenig Referenzen und wollen sich nicht auf Experimente einlassen.“ Dennoch sei davon auszugehen, dass in den nächsten 2-3 Jahren mehrere Bauträger auf TBA umsteigen werden, wenn sich die Rahmenbedingungen, sprich: Kosten und Förderungen verbessern.

Eine Evaluierung des Wohnparks Wolfsbrunn läuft bereits, die Auswertung wird nach zwei Jahren Betrieb vorliegen…

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